Tag 4 - Kampfjet

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Heute wird's echt spannend - für mich jedenfalls.

Seit Jahren schon spukt der Wunsch in meinem Kopf herum mal schwerelos sein zu können, bzw. fliegen ohne Hilfsmittel. Im Traum bin ich schon oft geflogen (wie Peter Pan), die Realisation im wahren Leben gestaltet sich schwierig.

Im Flieger zu sitzen ist schön, ein kleines bisschen stellt sich auch dieses Gefühl "Über den Wolken, da muss die Freiheit wohl grenzenlos sein..." ein, aber nur im Ansatz. Die Faszination des freien Raumes lässt mich bisweilen kaum noch los...

In Meditationen (ich weiß, klingt jetzt ein wenig esoterisch und überdreht - dann das Folgende einfach ignorieren!) bin ich schon zu einem Kometen geworden, im weiten Raum des Alls mit ungeheurer Kraft und Dimension völlig "abgehoben" - hier auf der guten Mutter Erde mit ihrer ganz eigenen und behütenden Schwerkraft fällt dieses Abheben "in echt" ja nun mal ziemlich schwer.

Vielleicht kommt daher der Traum vom Fliegen, am besten schwerelos...

Vor 5 Jahren habe ich einen Tandemsprung gemacht, da war es auch (nur leider sehr kurz): dieses unbeschreibliche Gefühl von Freiheit während des freien Falls. Sobald der Schirm aufgeht zieht es ja die Beine wieder nach unten und man schwebt zwar, aber nicht wirklich frei. Egal, für den Anfang schon nicht schlecht - mache ich bestimmt nochmal.

Dann haben wir entdeckt, dass es auch Zero-G-Flüge in den USA gibt (auch in der Sowjetunion - aber da will ich keinen Urlaub machen), und zwar regelmäßig von KSC aus. Kostenpunkt: rund $ 6000 - mal nicht ganz billig!

Und dann haben wir einen Fernsehbericht gesehen - da ging es um ausgefallene "Abenteuer"-Geschenke, u. a. auch Jet-Flüge.
Kurze Recherche im Internet und sogar einen fliegenden Doktor in St. Petersburg/Clearwater gefunden: Howard Chipman.
Der Veranstalter sitzt in der Schweiz und mit einem netten Telefonat konnten wir schon mal die Eckdaten klären. Das war am 17. Dezember letzten Jahres. Die Buchung (ein Geschenk an mich selbst) habe ich dann Heiligabend gemacht und seitdem konnte ich mich richtig ausgiebig "vorfreuen".
Im Internet gibt es einige Videos und Berichte dazu, also wusste ich in etwa was mich erwartet - spannend und aufregend war es trotzdem. Sicherlich gibt es andere tolle Sachen oder Veranstaltungen, die man für so viel Geld machen kann (jedenfalls wurde ich in meinem Bekanntenkreis oft kopfschüttelnd kommentiert), aber jeder Jeck ist anders!

Nun war es also endlich soweit: Briefing auf dem Aurora Aerospace-Gelände um 14:00 Uhr - wir kalkulierten gut 2,5 Std. Fahrzeit ein und trotz Navi in Afrikans (sie kann's nicht lassen!) waren wir exakt in dieser Zeit am Int. Airport Clearwater. Allerdings ´ne Stunde zu früh - aber so konnte ich mich schon mal etwas akklimatisieren. Auf dem Rollfeld stand sie schon, noch ein klein wenig "verpackt" oben/vorne, aber ich bin schon drum rum geschlichen wie die Katze um den Milchtopf.

Kurz nach 14:00 Uhr kam dann "Chip" nebst Gattin Veronique und schon die Begrüßung war herzlich (amerikanisch eben!). Dann brachte man uns in ein kleines Büro und ein sehr ausführliches Briefing begann. Zunächst mal die Bemerkung, dass sich solch ein Flugvergnügen doch wesentlich mehr Männer als Frauen gönnen (10 zu 1) und gerade Veronique freute sich darüber dass mal wieder eine Frau ins Cockpit klettert. Die letzte sei auch eine Deutsche gewesen.
Und dann ging‘s aber so richtig zur Sache, anhand eines großen Fotos des Cockpits wurden mir alle Instrumente erklärt und ich sollte mir das auch alles "in case of an emergency" merken - ach du lieber Gott! Ich brauche immer etwas Zeit zum Abspeichern von Anweisungen, vor allem wenn sie mit rechts und links, oben und unten und hinten und vorn verknüpft sind - ich werfe das alles erstmal herrlich durcheinander. Jetzt wurde mir echt mulmig: mitfliegen ist ja gut und schön, aber selber? Einen Kampfjet? Aus der ehemaligen DDR? Mit tschechischem Düsenantrieb... ja nee - is klar!
Chip erzählte was von "ihm in der Luft auch entsprechend helfen zu müssen", falls seine Instrumente versagen sollten. Ich müsste dann seinen Anweisungen folgen und u.U. selber verschiedene Handgriffe kennen. Ich habe bestimmt dreimal nachgefragt, ob das wirklich nur im Notfall wäre und er hat es mir versichert - aber so ein Notfall kann ja nun mal immer eintreten...
Hm...

Egal, jetzt war ich hier, jetzt wollte ich auch in die Luft!

Ein Gesundheitscheck folgte, den konnten wir aber verkürzen, weil ich mein Sporttauchen-Arztdokument vorlegte. Dann wurde ich noch ausführlich auf eigene Haftung und eigenes Risiko aufgeklärt und habe auf ein Dokument mindestens 15-mal meine Initialen gesetzt und 2 x die Unterschrift. Sogar Jürgen musste als Ehemann unterschreiben. Wahrscheinlich kriegen wir demnächst 4 Waschmaschinen, 3 Trockner und 5 Stereoanlagen geschickt - laut Bestellschein vom... - ne, Spaß beiseite. Das muss ja sein, gerade hier in den Staaten, wo die Leute sich dumm und dämlich klagen für Schmerzensgeld und ähnliches.

Dann der passende Anzug und die Anprobe - und dann raus zur Maschine.

Die stand schön in der prallen Sonne, aber es war "partly cloudy" (stellenweise bewölkt) und daher noch erträglich.

Nun wurde die Maschine "ausgezogen" und ich durfte das Cockpit inspizieren (sofern ich da rauf klettern könnte!). Es gibt Klappen am Rumpf, das sind so kleine Trittmulden. Aber wo man überall nicht anfassen oder drauftreten oder auch nur drankommen darf - das ist kein Kampfjet, das ist ein "Kräutchen rühr mich nicht an"! Ich habe mich dann aber doch getraut, bzw. bin mal hochgekraxelt und habe mich umgesehen - ist ja relativ übersichtlich auf dem halben Quadratmeter.

Jürgen hat fleißig Fotos gemacht und die Videocam in Stellung gebracht - wir haben aber auch noch ein Flugvideo gebucht, das kommt erst später (direkt nach Deutschland).

Nachdem Chip die Maschine rundum gecheckt und uns dabei auch noch einige technische Daten erzählt hatte (ich habe nicht so genau hingehört, ich wollte mein technisch eher resistentes Hirn nicht noch mehr belasten) musste ich dann auf's neue meine Klimmzugfähigkeiten unter Beweis stellen und mich extrem vorsichtig und "geschmeidig" in den Sitz gleiten lassen. Jetzt bloß nix anfassen, drücken, ziehen oder sonstwie berühren - schließlich sitzt man da auf einem Schleudersitz, der bei unsachgemäßer Handhabung echt "in die Luft geht". Am Boden ist das sogar absolut tödlich.

Jetzt ging das Briefing weiter, da waren ja auch noch ein paar Hebel und Knöpfe und Schalter, denen hatte ich vorher noch nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt. Und wieder der Hinweis "in case of ..." - boah, mir ist heiß, ich darf mich kaum bewegen, muss meine vorlaute Klappe halten (weil deutsch eh keiner versteht) und darf nix anfassen - das ist doch schon emergency genug! Aber ich habe geduldig gelauscht und versucht alles zu behalten (zumindest Fragmente).

Schwimmweste an, Fallschirm an, Baumwollmützchen (wie ein Baby, damit man nicht so am Helm klebt), Helm. Nun die Einweisung zum Sprechfunk, zum Steuerknüppel (ich könnte auch selbst ein Stück fliegen wenn ich möchte - hat ne 80-jährige Oma auch schon gemacht...), zum Gashebel (ich soll beim Start die Power geben), zum Minibildschirm (der zeigt ganz viel an, ich weiß bloß nicht was alles), zum G-Meßgerät, zum Täschchen mit dem Spucktütchen - ich habe bestimmt was vergessen.

Dann die Frage, ob ich okay wäre - ja klar, seit Stunden - und Klappe zu. Dann hat sich Chip noch schnell in den Anzug geschwungen und mit allem lebensrettenden bestückt und ist auch ins Cockpit geklettert - vor mir.

Und endlich, endlich ging's los. Sprechfunkcheck - ich war zu leise und brauchte endlose Sekunden um den richtigen Knopf für die Lautstärkeregelung zu finden, dann musste ich den Mund halten, damit die Gespräche mit dem Tower nicht gestört wurden. Ich war eh plötzlich ganz still - jetzt ging's wirklich los und das war schon echt ein Grund zum inne halten...

Erstmal zur Startbahn, die Düsen sind gar nicht so laut im Flieger, draußen war es wohl heftiger, denn Jürgen hat von Veronique vorsichtshalber Ohrstöpsel bekommen (und auch gebraucht - und er ist nicht so empfindlich). Ich sollte dann meine Anzeige mit dem künstlichen Horizont richtig einstellen (das Flugzeug exakt auf Horizontlinie bringen) mit einem Drehknopf. Das hatte ich mir wenigstens gemerkt! Aber ging nicht - Ärmchen zu kurz! Ich hangelte vergeblich im Leeren und so angegurtet wie ich war hatte ich keine Chance - definitiv 5 cm zu kurz! Ganz verzweifelt sagte ich Chip: "Sorry, but my arm is too short!" und er antwortete: "It doesn't matter!" (und hat bestimmt vorne gegrinst).

Und dann ging's in Stellung und ich durfte tatsächlich den Schub geben (da kam ich noch dran!) - ist das endgeil! 

Relativ schnell und locker abgehoben - ach halt, hab was vergessen...schon nach dem Schließen der Kanzel wurde wohl der Luftdruck verändert und ich musste ausgleichen.
Der Start hat sich aber vom Tempo her nicht groß von einem normalen Passagierflugzeug unterschieden, nur die Aussicht ist um Längen besser.

Dann waren wir auch schon in der Luft und unten ganz klein mein Männe und Veronique am Rollfeld.

Chip hat mir dann immer erzählt was wir gerade machen, auf welche Höhe, welche Kurve, wie schnell und dann sind wir durch die Wolkendecke der Sonne entgegen geflogen. Das war so schön...

Ich habe ein paar Bilder gemacht und musste plötzlich singen, zumindest summen - mein Dauergrinsen sah bestimmt auch etwas debil aus (sehe ich dann auf meinem Video).

Wir sind dann auf 5000 Fuß und Chip sagte, ich sollte mal den Steuerknüppel halten und seinen Bewegungen folgen. Läuft ja vorn und hinten alles schön synchron. Das habe ich dann auch ganz vorsichtig gemacht und wir sind hoch und runter und rechts und links geflogen. Natürlich immer nur sanft und nicht so doll, wie es sich jetzt vielleicht anhört. Und dann kam es auch schon, jetzt könnte ich mal fliegen. Der magische Satz: "You have the control!" und ich musste antworten: "I have the control!" - Hammer!
Ich bin dann auf seine Anweisungen geflogen: steigen, sinken, Rechtskurve, Linkskurve. Das war echt ein erhebendes Gefühl, lässt sich kaum beschreiben.

Dann hat er wieder übernommen und nun wurde es richtig lustig. Kurve: 30 Grad, 45, 60...Steilflug und eine Rolle nach links - Uiiiih - für Sekundenbruchteile schwerelos - da kann kein Rollercoaster mithalten!. Wieder gib ihm in den Himmel, dann eine "fast roll - right side, slow roll - left side, okay?" - "Yeah!" - und los ging's... Rauf, runter, Rolle...und gleich nochmal...

Dann wurde mir doch etwas blümerant und auf Chips Frage: "Some more maneuvers or sightseeing at the beaches?" - "Beaches - my stomache feels not so good!"... In echt, für'n Moment war's nicht mehr so lustig und ich schielte nach dem Täschchen mit der Kotztüte. Aber wozu hatte ich die Reisetabletten denn vorher eingenommen? Doch bestimmt nicht, um sie jetzt hier in der Kanzel zu verteilen. Also durchatmen und ruhiger werden. OOOMMM.

War dann auch gleich schon wieder gut und ich ließ mir von Chip die schönen Strände von Clearwater zeigen. Und dann war's auch schon Zeit für die Rückkehr und Vorbereitung zur Landung. Schade - schon vorbei! Aber in der Erinnerung (und hinterher mit dem Video) kann ich es ja noch viele Male durchleben und sogar ohne Magengrummeln.

Sicher und sachte gelandet und auch beim Rausklettern nix falsches berührt. Das war echt ein Abenteuer! Jürgen leuchtete mir entgegen (zumindest sein Sonnenbrand auf der Stirn) und wir machten noch ein paar Funfotos.

Raus aus den Klamotten (drunter war ich echt nass geschwitzt) und Durst! Veronique plauderte noch aus dem Nähkästchen: vor ca. 3 Wochen hatten sie unsere Models von Germany's next Topmodel zum Zero-G-Flug mit Fotoshooting für Garnierwerbung da. Die Mädels haben auch keine Probleme gehabt (dank eines medizinischen Pflasters am Hals) und die Sorge um sie war völlig unbegründet, allerdings hatte man nicht so an die Kameraleute gedacht. Einem Kameramann ist kotzübel geworden und man mußte noch mal landen um den Mann zu ersetzen!

Chip hat dann noch die Auswertung unseres Fluges gemacht: 2,7 G im + und 1,1 im -! Gar nicht so übel für den Anfang!
Dann habe ich noch ein bisschen die Merchandise-Artikel durchstöbert und eine Sporttasche erstanden - bei großen Taschen komme ich immer wieder in Versuchung!

Der Abschied war ebenso herzlich wie die Begrüßung, wir sind in unsere Autos geklettert (sie natürlich in einen BMW) und vom Gelände gefahren.

Kaum aus Clearwater raus haben wir einen BK überfallen - ich hatte so einen Mörderhunger nach dem ganzen Stress! Und dann ab nach Hause - zur Abenddämmerung waren wir dann wieder in unserem Wonnehaus!

Chip meinte noch, ich könne bestimmt gut schlafen - und er hatte Recht - aber so was von!